Österreichisches Deutsch ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich über eine Meldung dieser Tage besonders gefreut: Paradeiser, Sackerl, Rauchfangkehrer oder Jänner verschwinden nicht einfach. Eine aktuelle Studie, über die die Kleine Zeitung berichtet, hat österreichische Printmedien über einen Zeitraum von 23 Jahren untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass typisch österreichische Wörter dort erstaunlich stabil geblieben sind.
Das ist eine gute Nachricht – und für mich persönlich eine erfreuliche. Österreichisches Deutsch ist schließlich nicht „falsches“ oder irgendwie weniger korrektes Deutsch, sondern Teil der sprachlichen Variation des Deutschen. Und diese Variation darf und soll sichtbar bleiben. Gerade Medien haben dabei eine wichtige Funktion: Sie bilden Sprachgebrauch nicht nur ab, sondern tragen auch dazu bei, welche sprachlichen Formen wir regelmäßig sehen, hören und schließlich als selbstverständlich wahrnehmen.
Genau hier beginnt allerdings auch das Dilemma, auf das die Sprachwissenschaftlerin Jutta Ransmayr in einem Interview bereits 2017 hingewiesen hat, in dem sie fordert, österreichisches Deutsch auch in der Lehramtsausbildung zu berücksichtigen.
Wer liest diese Medien?
Wenn wir wissen wollen, wie es um das österreichische Deutsch der nächsten Generation bestellt ist, reicht der Blick in Zeitungen möglicherweise nicht mehr aus. Denn ausgerechnet jene Altersgruppen, deren zukünftiger Sprachgebrauch besonders interessant wäre, lesen klassische Printmedien immer weniger. Ein erheblicher Teil ihres medialen Sprachinputs kommt aus ganz anderen Quellen: Sie schauen YouTube und TikTok, streamen Filme und Serien, hören Podcasts oder folgen Influencer:innen. Und gerade bei Filmen und Serien kommt eine sprachlich interessante Besonderheit hinzu: Internationale Produktionen werden für den deutschsprachigen Markt in der Regel nicht eigens für Österreich synchronisiert. Das Deutsch, das dort zu hören ist, bildet die sprachliche Variation des gesamten deutschsprachigen Raums daher keineswegs gleichermaßen ab.
Der Atlas der deutschen Alltagssprache gibt in mehreren Runden einen Einblick in die regionalen Verteilungen.
Damit stellt sich die Frage, was passiert, wenn Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg täglich einem medialen Deutsch begegnen, in dem bestimmte österreichische Varianten kaum oder gar nicht vorkommen.
Von der Paradeis zur Tomate?
Der Spezialforschungsbereich „Deutsch in Österreich“, die sich nicht auf Österreichisches Deutsch sondern eben Deutsch in Österreich konzentriert, verweist auf genau diesen möglichen Zusammenhang. Als eine Hypothese dafür, warum Kinder und Jugendliche zunehmend mit einem eher bundesdeutsch geprägten „Mediendeutsch“ in Kontakt kommen, werden unter anderem Fernsehsendungen und in Deutschland synchronisierte Filme genannt. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten: Aus medialem Input lässt sich nicht einfach auf den tatsächlichen Sprachgebrauch schließen. Ob und in welchem Ausmaß solche Medienangebote langfristig sprachliche Varianten beeinflussen, muss empirisch untersucht werden.
Und genau deshalb wäre der Blick auf Serien und Streamingangebote so interessant.
Wenn wir wissen wollen, wie präsent österreichisches Deutsch in der Lebenswelt jüngerer Menschen ist, müssten wir konsequenterweise auch deren Medienwelten untersuchen. Wie sprechen Figuren in den meistgesehenen synchronisierten Serien? Heißt es dort Jänner oder Januar, Sackerl oder Tüte, Stiege oder Treppe, Mistkübel oder Mülleimer? Und wo begegnen Kinder und Jugendliche überhaupt einer Paradeis oder einem Paradeiser – und wo ausschließlich der Tomate?
Die Paradeis oder der Paradeiser? Beides!
Es geht nicht nur um einzelne Wörter
Dabei wäre eine reine Wortzählung vermutlich zu wenig. Interessant wäre auch, welche Varietäten mit welchen Figuren und Situationen verbunden werden. Wo kommt österreichisches Deutsch vor? Ist es selbstverständliche Standardsprache? Wird es als regionale Besonderheit markiert? Dient es der Charakterisierung einer Figur oder vielleicht sogar als komisches Element? Oder kommt es schlicht nicht vor? Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache gibt zu jedem Wort die geografische Verteilung an, was durchaus interessant ist – so ist die Paradeis seltener als der Paradeiser.

Auch Aussprache, Syntax und Pragmatik wären zu berücksichtigen. Denn österreichisches Deutsch besteht nicht aus einer Liste besonders liebenswerter Wörter –wenngleich Wortwerkstatt eine solche Liste ausgibt. Es ist eine Varietät mit unterschiedlichen sprachlichen Merkmalen – und zugleich Teil sprachlicher Identität und sprachlicher Vielfalt. Und Varietäten ändern sich. Das ist natürlich und ganz normal. Es geht mir nicht im das reine Bewahren, sondern auch um das Sensibilisieren. Ich sage Kaffee (mit Betonung auf e) und erkläre dazu immer, dass ich den Kaffee genieße. Langsam. Mit Zeit. Und dass ich deshalb auch nicht von A nach B laufe, sondern gehe. Außer ich jogge – dann laufe ich.
Und dann wäre da noch Social Media
Das Bild wird noch komplexer, wenn wir neben synchronisierten Filmen und Serien auch Social Media betrachten. TikTok, YouTube oder Instagram könnten nämlich eine ganz andere Dynamik erzeugen. Dort sprechen Menschen selbst, und damit werden regionale Aussprache, Dialekte und österreichische Varianten potenziell wieder wesentlich sichtbarer und hörbarer. Vielleicht stehen wir deshalb gar nicht vor einer einfachen Entwicklung von „österreichisch“ zu „bundesdeutsch“. Vielmehr bewegen sich junge Menschen zwischen unterschiedlichen medialen Sprachräumen: zwischen lokalem Sprachgebrauch, Schule und Familie, synchronisierten Serien, YouTube-Videos, TikToks, Podcasts und zunehmend wohl auch KI-generierten Stimmen und Texten.
Dass Austriazismen in österreichischen Printmedien über einen langen Zeitraum stabil geblieben sind, ist deshalb eine erfreuliche Nachricht. Darüber darf man sich freuen – ich tue es jedenfalls. Für die Frage, wie es um die Zukunft des österreichischen Deutsch bestellt ist, sollten wir aber noch an anderen Orten hinschauen. Vielleicht müssen wir dafür weniger Zeitung lesen und mehr Netflix schauen. Rein wissenschaftlich natürlich.
Und dann wäre da noch die KI
Auch generative KI könnte zu diesem medialen Sprachraum beitragen. Sprachmodelle lernen aus riesigen Mengen digital verfügbarer Texte – und diese bilden sprachliche Vielfalt keineswegs gleichmäßig ab. Untersuchungen zeigen, dass dialektale und weniger stark schriftlich repräsentierte Varietäten gegenüber Standardvarietäten häufig unterrepräsentiert sind und Sprachmodelle entsprechend zur Verwendung dominanter Standardvarietäten tendieren (Abboud & Oz, 2024; Fleisig et al., 2024).
Die Zukunft des Paradeisers entscheidet sich möglicherweise auch auf dem Bildschirm.
Zum Weiterlesen und Vertiefen
- Atlas der deutschen Alltagssprache
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache
- Paradeiser, Rauchfangkehrer und Jänner sterben nicht aus | Kleine Zeitung (Paywall)
- Paradeiser, Rauchfangkehrer und Jänner sterben nicht aus | Austria Presse Agentur (keine Paywall)
- Austriacisms and Their Co-Variants—Short-Term Diachrony in the 21st Century | Languages (die genannte Studie)
Diatopic Lexical Variation in Modern German: A Comparison of Linguistic Maps from the Atlas zur deutschen Alltagssprache with Lexical Frequency Data from DWDS Corpora | Languages (eine weitere Studie Studie) - SFB „Deutsch in Österreich“
- SFB „Deutsch in Österreich“ | FAQs
- Österreichisches Deutsch: Die schönsten Austriazismen von Marille bis Paradeiser | Wortwerkstatt
- Hüferl, Kren und Powidl | für Ö1 macht Schule mit Unterrichtsideen
- Junge tendieren zum „Jungen“ | Interview mit Jutta Ransmayr
- Serienstart Sprachwandel: „Austriazismen sind relativ stabil“ | Interview mit Alexandra N. Lenz