Schreiben mit KI: der Ghostwriter im Klassenzimmer?

Generative KI kann Schreibprozesse unterstützen, ohne das Denken oder die Eigenleistung zu ersetzen. Der Beitrag zeigt, wie Schüler:innen und Studierende LLM-basierte Chatbots als Schreibbuddy nutzen können – von der Themenfindung bis zur Verteidigung einer (vor-)wissenschaftlichen Arbeit – und warum gute Prompts vor allem Denkstöße sind.

Zwischen Verbot und Vollautomatisierung

„Schreib mir bitte eine Einleitung zu meinem Referat.“ Wer generative KI im Bildungsbereich nutzt, kennt solche Prompts. Und genau hier beginnt häufig die Skepsis: Übernimmt die KI nun das Denken? Verlernen Schüler:innen und Studierende das Schreiben? Wird der Schreibprozess auf die bloße Produktion von Text reduziert?

Die spannende Frage liegt aber ganz woanders. Nicht darin, ob KI beim Schreiben verwendet wird, sondern wie. Denn zwischen einem vollständig KI-generierten Text und einem pauschalen KI-Verbot gibt es einen großen Zwischenraum: KI als Schreibbuddy. Also als Werkzeug, das beim Denken unterstützt, Fragen stellt, Rückmeldungen gibt, Strukturierungshilfen anbietet oder beim Überarbeiten hilft – ohne den eigentlichen Schreibprozess zu ersetzen. KI ist dann nicht mehr in der Funktion des Ghostwriters, sondern vielleicht des Critical Friends.

Quelle: Pixabay

Genau dafür habe ich ein Padlet mit Prompts gesammelt, die Schüler:innen und Studierende beim Schreiben unterstützen sollen. Nicht als Abkürzung zum fertigen Produkt, sondern als Begleitung durch unterschiedliche Phasen des Schreibprozesses: GenAI als Schreibbuddy.

Schreiben als Denkprozess

Wer (wissenschaftlich) schreibt, formuliert nicht einfach nur Sätze. Schreiben bedeutet, Ideen zu entwickeln, Gedanken zu ordnen, Fragen einzugrenzen, Quellen zu suchen und zu bewerten, Zusammenhänge herzustellen, Positionen zu reflektieren und sprachliche Entscheidungen zu treffen. Gerade deshalb eignet sich Schreiben so gut als Lernprozess. Denken wird sichtbar, Unsicherheiten werden erkennbar und Argumentationen entstehen oft erst im Schreiben selbst. Generative KI kann genau an diesen Stellen hilfreich sein — vorausgesetzt, sie übernimmt nicht den gesamten Prozess.

KI als Interaktionspartner

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang Überlegungen von Isabella Buck und Anika Limburg (KI und Kognition im Schreibprozess:
Prototypen und Implikationen
, 2024), die KI nicht einfach als Werkzeug zur Textproduktion verstehen, sondern als möglichen Interaktionspartner im Schreibprozess. Zentral ist dabei die Frage, wer welche kognitive Arbeit bzw. Leistung übernimmt. Wenn KI dabei hilft, Themen zu strukturieren, kritische Rückfragen zu stellen, Perspektiven zu ergänzen oder Feedback zu geben, kann sie Schreibprozesse unterstützen, ohne die Verantwortung für Denken, Bewerten und Entscheiden vollständig zu übernehmen.

Buck und Limburg beschreiben dabei unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI. Besonders relevant erscheint mir die Unterscheidung zwischen einem eher delegierenden Einsatz — bei dem die KI große Teile des Schreibens übernimmt — und einem unterstützenden, dialogischen Einsatz. Gerade letzterer eröffnet didaktisch interessante Möglichkeiten, weil die KI hier weniger als „Textmaschine“ oder gar „Ghostwriter“ fungiert, sondern eher als Sparringspartner im Denk- und Schreibprozess.

Bewusst spreche ich dabei von einem Schreibbuddy und nicht von einem Tutor oder Partner, wie dies etwa Steinhoff und Lehnen (2025) diskutieren. Der Begriff „Buddy“ verweist für mich stärker auf ein Schreiben auf Augenhöhe. Die KI ist dabei weder allwissende Lehrperson noch ganz gleichberechtigter Co-Autor, sondern eher ein Critical Friend: ein Gegenüber, das vielleicht etwas mehr Wissen, mehr Geschwindigkeit oder mehr Strukturierungsmöglichkeiten mitbringt, gleichzeitig aber herausfordert, Rückfragen stellt und zum Weiterdenken anregt. Mit dem man aber auch diskutiert, weil er eben auch unrecht haben kann.

Gerade diese dialogische Komponente erscheint mir zentral: Die KI soll nicht einfach Texte liefern, sondern Denkprozesse unterstützen. Sie kann Werkzeug sein, Impulse geben, Alternativen sichtbar machen oder helfen, blinde Flecken zu erkennen. Die Verantwortung für Entscheidungen, Bewertungen und Formulierungen bleibt jedoch bei den Schreibenden selbst. Die Prompts im Padlet orientieren sich deshalb bewusst an diesem Verständnis. Sie fordern die KI nicht primär dazu auf, fertige Texte zu produzieren, sondern Fragen zu stellen, Alternativen anzubieten, Argumente zu prüfen oder Rückmeldungen zu geben. Damit verschiebt sich der Fokus vom Produkt hin zum Prozess. Schreiben wird nicht ausgelagert, sondern begleitet.

Das bedeutet allerdings auch, dass Lernende Entscheidungen treffen müssen. Sie müssen bewerten, welche Vorschläge sinnvoll sind, welche Formulierungen zur eigenen Stimme passen und wo KI-generierte Inhalte kritisch hinterfragt werden müssen. Genau darin liegt ein wesentlicher Aspekt von Schreibkompetenz in einer Kultur der Digitalität: nicht die möglichst effiziente Produktion von Texten, sondern die reflektierte Steuerung, Bewertung und Weiterentwicklung von Schreibprozessen.

Vom ersten Gedanken bis zur Defensio

Die Prompts decken unterschiedliche Phasen des Schreibprozesses ab: von der Themenfindung über die Entwicklung einer Forschungsfrage bis hin zur Literaturrecherche, Quellenarbeit oder Vorbereitung einer möglichen Präsentation bzw. Defensio. Manche Prompts fordern die KI ausdrücklich dazu auf, Fragen zu stellen, mehrere Möglichkeiten anzubieten oder Unsicherheiten sichtbar zu machen. Andere helfen dabei, problematische Nähe zu Quellen zu erkennen, etwa bei indirekten Zitaten und Paraphrasen — ein Bereich, der gerade für unerfahrene Schreibende oft schwierig ist.

Die eigene Stimme behalten

Eine Sorge höre ich in diesem Zusammenhang besonders häufig: Klingen am Ende nicht alle mit KI geschriebenen Texte gleich? Tatsächlich besteht diese Gefahr. Vor allem dann, wenn KI unreflektiert genutzt wird und Texte einfach übernommen werden. Generative KI tendiert häufig zu sprachlich glatten, sehr korrekten und gleichzeitig überraschend austauschbaren Formulierungen. Texte wirken dann zwar „gut geschrieben“, verlieren aber oft Eigenheiten, Ecken, persönliche Schwerpunktsetzungen oder individuelle Denkwege. Menschen machen Fehler, verlieren mal den Fokus und verwenden überraschende Ausdrücke oder Wendungen. Lagern sie das Schreiben an KI aus, verlieren sie ihre Stimme.

Das Stillewerden und Wenigerwerden der Stimmen der Welt.

Franz KAfKA (1883-1924)

Gerade deshalb ist die Frage nach der eigenen Stimme im Schreibprozess zentral. Schreiben bedeutet schließlich nicht nur, Informationen möglichst effizient aneinanderzureihen. In Texten zeigt sich auch, wie Menschen denken, argumentieren, gewichten und formulieren. Die eigene Stimme entsteht dabei nicht durch perfekte Formulierungen, sondern oft gerade durch individuelle Ausdrucksweisen, persönliche Schwerpunktsetzungen oder bestimmte Arten, Zusammenhänge herzustellen. Deshalb enthalten viele der Prompts bewusst Formulierungen wie „Verändere meinen Stil nicht komplett“, „Gib mir mehrere Möglichkeiten“ oder „Hilf mir beim Weiterdenken“. Die KI soll nicht den gesamten sprachlichen Ausdruck übernehmen, sondern Lernende dabei unterstützen, ihre eigenen Gedanken klarer, präziser oder verständlicher zu formulieren.

Die Lernenden sollen also nicht lernen, möglichst effizient Texte generieren zu lassen. Sie sollen lernen, Entscheidungen zu treffen: Welche Formulierung passt zu mir? Welche Idee überzeugt mich? Wo klingt der Text plötzlich nicht mehr nach mir? Welche Vorschläge helfen mir wirklich weiter — und welche machen meinen Text zwar glatter, aber auch austauschbarer? Wo behindert mich KI vielleicht sogar, weil Menschen zu Overreliance neigen und es ihnen schwer fällt, sich von KI-generierten Inhalten zu entfernen?

Darin liegt aber auch eine wichtige Form von AI Literacy. Denn wer mit KI schreibt, muss nicht weniger über Sprache nachdenken, sondern oft mehr. Die Herausforderung verschiebt sich: weg vom reinen Formulieren hin zur bewussten Auswahl, Bewertung und Anpassung von Vorschlägen. Die eigene Stimme bleibt dabei nicht TROTZ KI wichtig, sondern gerade WEGEN KI. Weil Schreibenden aber manchmal die Erfahrung mit Prompts fehlt, sie nicht genau wissen, wie man das dialogische Schreiben unterstützen kann, habe ich Prompts gesammelt, die auch mir beim Schreiben helfen. Wenn ich mir zum Beispiel Korrekturen kursiv ausgeben lasse, damit ich sie sehe. Das hilft mir sehr.

Gute Prompts sind Denkanlässe

Gute Lernprompts haben oft weniger mit Technik als mit Didaktik zu tun. Ein Prompt kann Reflexion fördern, Metakognition unterstützen, Selbstregulation anregen oder Feedback strukturieren. Sie steuern in Schreibprozess ein Feedforward bei (ich habe dazu meine Gedanken in Von Feedback zu Feedforward: Eine begriffliche Neuorientierung im Sinne von Futures Literacy festgehalten). In diesem Sinne sind Prompts nicht bloß technische Befehle für Maschinen, sondern dialogische Mittel im Schreibprozess. Oder anders gesagt: Nicht jeder Prompt macht Lernen sichtbar. Manche umgehen es auch.

Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen im Umgang mit generativer KI im Bildungskontext. Nicht entscheidend ist, ob Lernende KI verwenden. Entscheidend ist, ob sie Ergebnisse kritisch prüfen, Verantwortung für ihre Texte übernehmen, Quellen reflektieren, ihre eigene Stimme bewahren und bewusst entscheiden können, wann KI hilfreich ist — und wann nicht. Der Critical Friend kann manchmal nämlich auch zu kritisch sein, so dass es beinahe schon zu viel Kritik ist. Jede:r muss für sich entscheiden, wann es gut ist. Ich habe den einen oder anderen Dialog schon abgebrochen, weil die Kritik eher an Waldorf und Statler aus der Muppet Show als an kritische Freundschaft erinnert hat.

Weniger Schreibmaschine, mehr Denkraum

Schreiben mit KI kann oberflächlicher werden. Es kann aber auch reflexiver, dialogischer und bewusster werden. Die Frage ist, welche Formen wir fördern, wenn wir in Texten nur nach Fehlern und Schwächen suchen, anstatt das Individuelle, die Stimme, den Prozess.

Quelle: Pixabay

Ich glaube nicht, dass generative KI den Schreibunterricht überflüssig macht. Vielleicht macht sie ihn sogar wichtiger denn je. Denn wenn Texte jederzeit generiert werden können, wird die Fähigkeit zentral, Texte einzuordnen, Argumentationen zu bewerten, Perspektiven zu hinterfragen und die eigene Position (sprachlich) sichtbar zu machen.

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Diskussionen darüber, ob KI „erlaubt“ ist, und mehr darüber, wie Lernende damit sinnvoll arbeiten können. Nicht als Ersatz für Denken, sondern als Unterstützung beim Denken.

Transparenz gehört dazu

Wenn KI Teil des Schreibprozesses wird, gehört auch Transparenz dazu. Lernende sollten offenlegen, wie sie KI verwendet haben: Wurde die KI für Feedback genutzt? Für Strukturierung? Für die Entwicklung von Forschungsfragen? Für sprachliche Überarbeitung? Transparenz bedeutet dabei nicht, jede einzelne Prompt-Eingabe dokumentieren zu müssen. Vielmehr geht es darum, den eigenen Schreibprozess nachvollziehbar zu machen und sichtbar zu halten, welche Denkleistungen bei den Schreibenden selbst lagen und an welchen Stellen KI unterstützend eingesetzt wurde.

Gerade im Bildungskontext ist das zentral. Denn wenn KI als Schreibbuddy verstanden wird, dann bleibt die Verantwortung für den Text trotzdem beim Menschen. Transparenz schafft hier nicht nur Fairness, sondern auch Reflexion über den eigenen Arbeitsprozess.

Und vielleicht ist genau das ein passender Abschluss für diesen Beitrag: Auch dieser Text ist nicht unabhängig von KI entstanden. Die Grundideen, die Prompts im Padlet, Strukturentscheidungen und didaktischen Überlegungen stammen von mir. ChatGPT wurde als Schreibbuddy genutzt — zum Strukturieren, Formulieren, Weiterdenken und Überarbeiten einzelner Abschnitte und zum Finden einer passenden Überschrift, an der ich immer ewig sitze und manchmal auch scheitere.

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