Eine gute Frage. Nicht nur als Titel für eine Tagung, sondern auch ein Ausgangspunkt für Gedanken, Überlegungen, Möglichkeiten. Ein kleiner Rückblick auf zwei spannende Tage in Ludwigsburg.
Die Tagung „KI und fachspezifisches Lehren und Lernen: Quo vadis, Fremdsprachendidaktik?“ an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg bot über zwei Tage hinweg einen dichten und facettenreichen Einblick in den aktuellen Stand der Diskussion rund um den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Fremdsprachendidaktik (hier der Link zum Programm). In Keynotes und Vorträgen in zwei parallelen Sessions wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt, die eindrucksvoll zeigten, wie stark das Feld derzeit in Bewegung ist.
Im Zentrum standen dabei drei eng miteinander verwobene Themenbereiche, die sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden in den Blick nahmen. Erstens wurde die Rolle von KI in der Lehrer:innenbildung intensiv diskutiert. Beiträge beleuchteten neue Prüfungsformate, veränderte Anforderungen an Seminar- und Ausbildungskonzepte sowie Fragen der Professionalisierung in einer zunehmend KI-geprägten Bildungslandschaft. Zweitens wurde der konkrete Einsatz von KI im Fremdsprachenunterricht thematisiert: von Chatbots zur Unterstützung von Sprachmittlung über KI-generierte Texte im Schreibunterricht bis hin zur Reflexion der Lernenden über ihre Interaktionen mit KI-Systemen. Drittens rückten didaktische und curriculare Fragen in den Fokus, etwa KI-gestützte Unterrichtsplanung, individualisierte Lernangebote und die Förderung von AI Literacy als Teil einer erweiterten Sprach- und Medienbildung.
Insgesamt entstand das Bild eines Feldes, das sich zwischen pragmatischer Erprobung und grundlegender Neuverortung bewegt, wie auch Carolyn Blume in ihrer Keynote am Beginn verdeutlichte. Sie übte sich in der Kunst des Nicht-Über-Etwas-Sprechens und nahm das Publikum mit in eine Welt des Nicht-Gesagten, des Verschwiegenen, des Missverstandenen. Unaufgeregt und ohne erhobenen Zeigefinger legt sie den Finger dennoch in zahlreiche offene Wunden und gab dem Publikum viel food for thought mit, was auch zum Titel der Keynote passte, denn es ging um das Essen von Pudding mit Gabeln und das Miteinander, das diesem Phänomen ebenso inhärent ist wie die Entschleunigung. Ein schönes Bild. Die folgenden Beiträge machten deutlich, dass KI längst nicht mehr als Randphänomen betrachtet werden kann (obwohl manche es vielleicht noch immer so sehen, oder wegsehen, übersehen, fehlsichtig darauf blicken), sondern tief in bestehende didaktische Konzepte eingreift und diese herausfordert, erweitert oder neu strukturiert.
Quo vadis Fremdsprachendidaktik?
Was bleibt nach diesen intensiven Tagen? Sicher keine einfache oder eindeutige Antwort – vielmehr ein Geflecht an Einsichten, offenen Fragen und möglichen Entwicklungsrichtungen. Die Fremdsprachendidaktik steht an einem Punkt, an dem sich nicht ein klarer Weg abzeichnet, sondern eine Vielzahl von Pfaden, die parallel beschritten werden (müssen).
Zentral erscheint dabei die Einsicht, dass wir es beim Lernen mit einer Form kognitiver Bifurkation (also von der Gabel zur Gabelung gedacht) zu tun haben, die zum Problem werden kann, wenn wir sie nicht als solche wahrnehmen und adressieren: Lern- und Denkprozesse differenzieren sich zunehmend aus in solche, die genuin menschlich geprägt sind, und solche, die durch KI-Systeme unterstützt oder sogar übernommen werden. Diese Aufspaltung fordert die Fremdsprachendidaktik heraus, ihre Gegenstände, Ziele und Methoden neu zu justieren. Es geht nicht mehr nur darum, was gelernt wird, sondern auch darum, wer oder was am Lernprozess beteiligt ist – und in welcher Form.
Aus der Tagung nehme ich daher mehrere Impulse mit, die mir als Bestätigung des bereits Gedachten dienen und als solche sehr wertvoll sind: die Notwendigkeit, KI nicht nur als Werkzeug, sondern stärker als epistemischen Akteur ernst zu nehmen; die Bedeutung, Lernprozesse stärker auf Reflexion, Bewertung und Kontextualisierung auszurichten; und die Herausforderung, jene Kompetenzen zu stärken, die sich nicht ohne Weiteres delegieren lassen – etwa kritisches Denken, Empathie, Resonanz, kreative Sprachverwendung oder interkulturelles Verstehen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele der vorgestellten Ansätze noch experimentellen Charakter haben und weiterer empirischer Fundierung bedürfen. Wir sind also alle gefordert. Und doch zeigt sich, dass die gerade die romanischen Sprachen ein ernstes Wörtchen mitreden, wenn es um das Sprachenlernen in Zeiten von AI (wie auch immer man sie definiert) geht.
Das ist Balsam für die Seele, wenn man die aktuelle Situation in Österreich vor Augen hat, wo die zweite lebende Fremdsprache (also eine romanische Sprache, oder auch Latein als nicht-lebende Fremdsprache) gekürzt wird, weil auch ihr Wert für das Lernen, für Bildung, für interkulturelle Kommunikation und Kreativität nicht gesehen oder übersehen wird. Wie sonst sollte man die Entwicklung in Österreich sonst deuten (eine willkürliche Auswahl, chronologisch geordnet):
- Wird der Informatikunterricht ausgehebelt? Massive Kritik an Plänen für neues Schulfach (15. Dezember 2025)
- Wiederkehr will weniger Latein, mehr KI und Informatik als eigenes Fach (26. Jänner 2026)
- Stundenplan: KI und Demokratie statt Latein (29. Jänner 2026)
- Wiederkehr hält an weniger Latein und mehr KI fest (23. Feber 2026)
- Pläne zu Lateinunterricht: Lehrplangruppe tritt zurück (27. Feber 2026)
- Spracherwerb braucht Zeit, Stundenkürzungen schaden nur (8. März 2026)
Dabei wissen wir schon längst um den Einfluss von Sprache auf den Menschen und seine Persönlichkeit(en): Are You A Different Person When You Speak A Different Language? Wird diese „different person“ überhaupt noch ausgebildet, wenn KI ins Spiel kommt? Werden wir „metacognive lazy“? Wenn, ja wohin führt das? Quo vadis?
Ebenso prägend wie die Vorträge waren jedoch die Gespräche jenseits der Panels: der informelle Austausch, das Weiterdenken von Ideen im kleinen Kreis, das Sinnieren über DAS Österreichische und DAS Deutsche, das Knüpfen neuer Kontakte und das Vertiefen bestehender Netzwerke. Gerade in einem so dynamischen Feld zeigt sich, wie zentral solche Begegnungen für die Weiterentwicklung gemeinsamer Fragestellungen und Projekte sind und wie fruchtbar der Gedankenaustausch ist.
Quo vadis, Fremdsprachendidaktik? Vielleicht liegt die produktivste Antwort auf die Frage gerade darin, ihre Offenheit auszuhalten. Viele Wege zeichnen sich ab – entscheidend wird sein, die kognitive Bifurkation nicht als Problem zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt für eine differenzierte, reflektierte und zukunftsorientierte Didaktik. Und vielleicht nicht die Bifurkation sondern eine Multifurkation zu sehen, die multiplen möglichen Pfade und eine polyzentrische Entwicklung.
