Ich sitze im Fauteuil und starre auf den Plafond, der mal wieder geweißelt gehörte, als könnte dort oben eine Antwort geschrieben stehen. Der Riss neben der Lampe sieht im Licht der halb geschlossenen Jalousie aus wie eine Landkarte — vielleicht ein Weg raus, denke ich, raus aus diesem Parterre-Leben im Souterrain, raus aus diesem Haus mit seinem überfreundlichen Portier, der immer zu viel weiß.
Der Portier.
Er nickt jedes Mal so wissend, wenn ich das Haus verlasse. Als hätte er mein Leben im Souterrain archiviert.
Ich sollte rausgehen. Frische Luft. Bewegung. Ein klarer Gedanke.
Ich nehme meinen Mantel, ziehe ihn über das Gilet, gehe runter, am Portier vorbei — er hebt nur eine Augenbraue, als hätte ich ihm gerade ein geheimes Zeichen gegeben. Draußen glänzt das Trottoir vom Regen, vor dem Haus steht eine alte Lavoir, eine Souvenir einer gerade ausgezogenen Dame, und ich bleibe kurz stehen, vis-à-vis vom Café an der Ecke. Dort, wo ich gestern dieses Retour-Billett gekauft habe, obwohl ich gar nicht wusste, wohin ich fahren wollte.
Retour — zurück. Immer zurück.
Warum kauft man ein Rückfahrtticket, wenn man gar nicht weiß, wohin die Hinfahrt geht?
Apropos — ich habe noch Hunger. Mein Magen knurrt mit einer gewissen Dramatik, fast theatralisch, als stünde er selbst auf einer kleinen Estrade und trüge sein Leid vor. Vielleicht sollte ich etwas kochen. Etwas Bodenständiges. Etwas mit Faschiertem. Laberl vielleicht. Oder ein Soufflé – mal was Süßes zwischendurch. Oder, nein, ein Ragout. Ja, ein Eierschwammerl-Ragout klingt nach Ordnung, nach Struktur — nach einem Leben, in dem Zutaten und Entscheidungen langsam zusammenfinden. Zucker wäre aber doch Balsam für die Seele.
Aber Entscheidungen sind diffizil.
Ich gehe ins Café. Im Parterre, gleich neben der Tür, steht wieder dieses freie Fauteuil, als hätte es auf mich gewartet. Ich setze mich. Der Kellner bringt Wasser, ohne zu fragen. Auf Melange hätte ich eh grad keine Lust. Offenbar sehe ich durstig aus — oder verloren.
Verloren.
Ein großes Wort für einen kleinen Zustand.
Der Plafond hier ist höher als zuhause. Er wirkt weniger endgültig. Vielleicht liegt es an der Stuckverzierung, die sich windet wie Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Gedanken, die sich nicht festhalten lassen.
Ich frage mich, ob der Portier gerade über mich spricht. Mit wem auch immer Portiers sprechen, wenn niemand zuhört. Vielleicht beschreibt er mich als „die Dame aus dem Souterrain, die immer so nachdenklich schaut und ständig Briefe schreibt, die sie nie abschickt“. Meine Garderobenlade ist voll davon — Briefe an Menschen, die ich nie wirklich gekannt habe, oder vielleicht nur an Versionen von ihnen. Sie aufzugeben wäre vielleicht ein Fauxpas gewesen. Oder ist es ein Fauxpas, sie nicht aufgegeben zu haben?
Ich ziehe das Retour-Billett aus dem Portemonnaie. Zerknittert. Ungenutzt. Ein Versprechen ohne Ereignis. Papier gewordene Möglichkeit.
Vielleicht sollte ich einfach einsteigen. Irgendein Coupé, irgendein Ziel. Der Gedanke hat etwas Beruhigendes: Bewegung ohne Absicht.
Doch gleichzeitig zieht mich das Parterre meines Lebens zurück — das Vertraute, das Schwere, das Erdgeschoß der Gewohnheiten. Dort wartet das Fauteuil. Der Riss im Plafond. Die halb geschlossene Jalousie. Der Portier mit seinem stillen Urteil.
Ich schau hinaus auf das Trottoir. Menschen gehen vorbei, zielgerichtet, als hätten sie alle ihr Billett bereits gelöst. Niemand scheint zu zögern.
Wie machen sie das?
Vielleicht ist das Leben selbst nur ein großes Souterrain — und wir verbringen unsere Zeit damit, den Ausgang zu suchen, während wir so tun, als hätten wir ihn längst gefunden.
Der Kellner bringt mein Topfensoufflé. Wann hatte ich das denn bestellt? Es dampft. Es riecht nach Kindheit und Entscheidungslosigkeit. Ich nehme den ersten Bissen und denke plötzlich: Vielleicht braucht es gar kein Ziel. Vielleicht genügt das Sitzen im Fauteuil, das Beobachten des Plafonds, das Kaufen eines Retour-Billetts ohne Reise. Ein Rendez-vous mit dem Möglichen.
Vielleicht ist das alles.
Oder auch nicht.
Der Portier wird es wissen.
Heute ist Tag der Muttersprache, denke ich plötzlich in einem Madeleine-Moment, während ich den letzten Rest Soufflé mit dem Löffel zusammenstreiche. Und ich frage mich, was eigentlich meine Muttersprache ist — dieses Österreichisch, mit seinen eigentümlichen kulinarischen Wörtern, die immer wieder für Verwirrung sorgen, durchzogen von französischen Worten, von Fauteuil und Plafond, von Billett und Parterre, Lavoir, das als Lavur ausgesprochen wird, und vom Trottoir, das wir zuhause immer vom Unkraut zu befreien hatten. Relikte einer Zeit, in der die Habsburgerhöfe nach Paris blickten, in der Französisch Sprache der Diplomatie, der Verwaltung, der feinen Gesellschaft war, eingeschrieben in unseren Alltag wie ein leiser Akzent der Geschichte.
Diese Wörter tragen etwas von jener Welt in sich, von einer kulturellen Erinnerung, die langsam verblasst, à la longue ersetzt durch Tickets statt Billette, Gehsteig statt Trottoir, Decken statt Plafonds, Sessel statt Fauteuils. Und doch spüre ich eine eigentümliche Zärtlichkeit für sie — als gehörten sie zu mir, zu meiner sprachlichen Herkunft, zu einem Denken, das Eleganz im Alltäglichen sucht.
Vielleicht ist es meine kleine, stille Aufgabe, sie weiterzusprechen, sie nicht verschwinden zu lassen, sie wie ein kostbares Kleinod zu bewahren.
Ich sehe plötzlich den Portier vor meinem inneren Auge. Kein Déjà-vu, aber eine Ahnung. Seine Augenbraue zieht er bei jedem Servus hoch. Ich sollte es vielleicht mit Französisch versuchen. Peut-être…