Rucksack, Eisberg, Minze und das Lernen

Ein Blick darauf, war „Es geht mir gut.“ und „Ich habe es nicht geschafft.“ keine Antworten sind und warum Bücher über Narzissmus gerade boomen.

Vorweg: Aktuell mache ich gerade die Ausbildung zur SaferInternet-Botschafterin. Dieser Beitrag ist teilweise dieser Ausbildung geschuldet, teilweise meiner Arbeit als Wissenschaftlerin, teilweise meiner Arbeit als Lehrperson. Er ist aber, wie so viele Beiträge auf meinen Blogs, meiner eigenen Selbstreflexion geschuldet und hilft mir dabei, Dinge zu reflektieren und „loszuwerden“. Ich nehme mich aus dem Geschriebenen nicht aus. Ich stelle meine Gedanken zur Diskussion und Reflexion. Was meine Leser*innen daraus machen, ist eine individuelle Entscheidung.

Es gibt Themen, die mich immer wieder beschäftigen. Die mentale Gesundheit ist eines davon, die Auswirkungen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ebenso. Ich bin keine Soziologin, aber in meinem Beruf arbeite ich mit Menschen, die ihrerseits mit Menschen arbeiten. Gerade im Lehrberuf ist es wichtig, sich seiner Vorbildfunktion bewusst zu sein. Menschen lernen durch Imitation – bewusst oder/und unbewusst. Authentizität wird deshalb gerne als eine wichtige Eigenschaft von Lehrpersonen gesehen. Was ist authentisch? Was ist eine Rolle, die wir spielen? Wer oder was bin ich? Wer will schon geghostet werden?

Die Sache mit dem Rucksack

Menschen sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sie haben unterschiedliche Entscheidungen getroffen. Sie unterscheiden sich in ihren Einstellungen, Werten und Vorstellungen. Dies gilt es im Bildungssystem – egal ob Primar- oder Sekundarstufe, Hochschulbereich oder Erwachsenenbildung – zu berücksichtigen. In Anlehnung an die Gedanken Paul Watzlawicks bemühe ich gerne das Bild eines Rucksacks (oder einer Handtasche – das Bild ist das Gleiche), den wir mit uns herumtragen. Im Laufe unseres Lebens und somit auch unseres Lernens füllen wir den Rucksack und er wird immer schwerer. Selten nur nehmen wir uns die Zeit, den Rucksack auszuleeren und neu zu befüllen. Meist dann, wenn nichts mehr hineinpasst. Was ganz unten im Rucksack ist, tragen wir vielleicht schon lange mit uns. Wir wissen aber nicht mehr so genau, was da unten eigentlich ist. Erfahrungen aus der Kindheit (gesprochen aus einem systemischen Ansatz), aus der klassischen oder operanten Konditionierung (gesprochen aus einem lerntheoretischen Ansatz) oder aus Peer Group (gesprochen aus einem soziologischen Ansatz). Ich spare Ihnen die Bilder, die ich da im Kopf habe – von Schultaschen, die über den Sommer unausgepackt geblieben sind und die im Herbst, am Schulbeginn, so manche interessante Überraschung bereithalten. Wenn wir also den Weg mehr und mehr beschwerlich finden, sollten wir vielleicht über den Ballast in unserem Rucksack nachdenken. Wenn Menschen auf etwas reagieren, dann reagieren sie. Manchmal wissen sie nicht, warum sie so reagieren, ihr Gegenüber weiß es noch viel weniger. Denken Sie an das Eisbergmodell (hier ein schönes Beispiel auf Französisch, an dem Talent die Spitze ist und die Misserfolge – les échecs – und die Arbeit – le travail – dahinter unter der Wasseroberfläche verschwinden): Wir sehen nur die Spitze, was darunter liegt, bleibt uns verborgen und ist auch unsinkbaren Schiffen schon zum Verhängnis geworden.

[Wer alle Wörter übersetzen möchte, kann dies mit DeepL oder Pons gut lösen.]

Quelle: Pixabay

Die Gesellschaft der Singularitäten

Diese individuellen Unterschiede tragen wir mit uns mit. Das ist unsere Innenseite. Nach außen hin aber herrscht in vielen gesellschaftlichen Bereichen eher ein Mainstream (Gefiltert sind wir alle gleich oder Jemand zeigt, dass die Fotos auf Instagram alle gleich aussehen). Andreas Reckwitz, dessen Ansätze man nicht unbedingt mögen muss, die aber viel Reflexionspotential in sich bergen, nennt die Gesellschaft von heute eine „Gesellschaft der Singularitäten“, eine Gesellschaft, in der der Mensch sich in seiner Einzigartigkeit inszeniert. Die Kultur dieser Gesellschaft bezeichnet er als eine „Kultur des Authentischen, die zugleich eine Kultur des Attraktiven ist“ (2019a, S. 10) und sich an der „Logik des Besonderen“ (ebd., S. 11) orientiert. Attraktivität, Authentizität und Singularität sind, so Reckwitz, drei Attribute unserer Zeit, die unser Agieren und unser Interagieren beeinflussen. Nicht nur positiv, denn er stellt fest, dass das „Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist.“ (Reckwitz 2019a, S. 9) Der Mensch agiert in Erfüllung einer möglichen oder vermeintlichen Erwartung. Der Druck ist groß, denn durch soziale Netzwerke und die in ihnen herrschenden Normen, erkennt der Mensch manchmal seine eigene Unzulänglichkeit: In den sozialen Netzwerken herrscht schon seit langem eine „Positivkultur der Emotionen“ (Reckwitz 2019b, S. 205). In sozialen Netzwerken werden keine Realitäten gezeigt, sondern Inszenierungen, Fiktivierungen und Fiktionalisierungen des eigenen Lebens. Soziale Netzwerke erlauben als parallele Welt die Inszenierung des Ich zu einem Ich, wie ich es mir wünsche. Gezeigt werden Bilder einer schönen heilen Welt: durchtrainierte Körper (#fitspiration), gesunde Ernährung (#healthyfood), lächelnde, faltenfreie Gesichter und Bilder von wunderschönen Urlaubsorten und Momenten der Entspannung und des Genusses (#chillax, #gönnung).

Gesellschaft des Superlativs

Längst schon wollen wir nicht mehr fitter sein als die anderen oder uns gesünder ernähren. Wir wollen der/die fitteste Person sein und uns am gesündesten ernähren. Wir wollen die schönsten Momente erleben, wir wollen die besten Momente festhalten und teilen. Ständig vergleichen wir uns mit den anderen. Das Fremdbild kann dabei wichtiger werden als das Selbstbild. Dies kann die positive Emotionalisierung ins Negative verkehren, wenn nämlich „diese subjektive Erfülltheit als ein Phantasma [erscheint], dem das reale eigene Leben – außer vielleicht in bestimmten, herausgehobenen Momenten – kaum je genügt.“ (Reckwitz 2019b, S. 204) Man ist von sich enttäuscht, vernachlässigt die Selbstwirksamkeits-Überzeugung, misst sich ständig, beneidet andere und achtet mehr auf die Meinung der anderen als auf sich selbst zu hören. Why Instagram Is the Worst Social Media for Mental Health ist ein spannender Artikel im Time Magazine, der auch fünf Jahre nach Erscheinen aktueller denn je ist. Oder How Instagram takes a toll on influencers‘ brain 2019 in The Guardian erschienen – nur zwei Beispiele, die sich um folgende Fragen drehen: Wie viele Likes und Kommentare habe ich bekommen? Wer hat meine Story angesehen? Werde ich wahrgenommen?

Quelle: Pixabay

Die Stimmung, die in sozialen Netzwerken aufgebaut wird, wird ins Leben außerhalb der sozialen Netzwerke mitgenommen. Selffulfilling Prophecy ist nur ein Stichwort. Wer an sich glaubt, der glaubt an sich. „Wenn’s laft, dann laft’s.“ Imposter Syndrom ist ein zweites Stichwort (vor allem im akademischen Bereich): Man glaubt, die eigene Arbeit ist nie gut genug. So wie auch Lehrer*innen ihre Arbeiten nicht teilen, weil sie „eh normal“ sind und „das eh jede*r so macht“ und es somit „nichts Besonderes“ ist. Body Positivity ist ein anderes Stichwort. Wer nur schöne Menschen sieht, die sich makellos inszenieren, erkennt an sich selbst hier eine Delle, da Orangenhaut, hier ein Fältchen, da ein graues Haar. Gerade Kinder und Jugendliche, die gerade erst dabei sind, eine eigene Identität und Persönlichkeit aufzubauen, können an überpositiven Vorbildern zerbrechen. Sie unterscheiden nicht zwischen Realität und Fiktion (durch Inszenierung). Selten nur wird von Fehlern und dem Scheitern gesprochen. Selten wird gezeigt, was hinter den Bildern steckt. Selten werden die Geschichten hinter den Menschen gezeigt. Es sind nur Momentaufnahmen.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Schon Erving Goffmann hat in den 1950er-Jahren – also vor sieben Jahrzehnten – in seinem Buch Wir alle spielen Theater aufgedeckt, dass wir uns ständig inszenieren und Rollen einnehmen. Dies tun wir bewusst und/oder unbewusst. Wir können die Rollen aktiv wechseln oder nicht. Das ist nicht neu. Neu ist aber die Quantität der (vermeintlichen, angenommenen, inszenierten) Role Models, die uns in sozialen Netzwerken begegnen und auch die Qualität der (v.a.) Bilder. Es gibt aktuell immer mehr Beiträge, die Inszenierungen aufdecken. Danae Mercer ist eine davon. Sie deckt in ihren Beiträgen auf Instagram die Macht der richtigen Körperhaltung und des richtigen Kamerawinkels, von Filtern und von Bildbearbeitungsstrategien auf. Sie berichtet offen über ihre Misserfolge und ihre persönlichen Niederlagen.

Warum ist das für das Lernen wichtig?

  • Zum einen geht es hier um die Medienkompetenz: Wir sollten uns die Zeit nehmen, die schöne heile Welt infrage zu stellen und als Momentaufnahme und nicht DAS Leben an sich zu sehen. Selbstdarstellung – früher auch Narzissmus genannt – ist längst keine Mode mehr. Es ist vielfach die Norm. Narzissmus ist längst nicht mehr verpönt. Außer im akademischen Bereich – denn da regiert das Imposter Syndrom.
  • Zum anderen geht es um die mentale Gesundheit: „Mens sana in corpore sano.“ So hieß es einmal. Das stimmt natürlich. Und hier ist auch kein Superlativ. Es geht nicht um den gesündesten Geist oder den gesündesten Körper. Es wird nicht verglichen. Gesunder Geist und gesunder Körper sind beide wichtig, wenn es um das Lernen und das Erreichen von Zielen geht.

„Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, nur einen zum sicheren Misserfolg: es jedem recht machen zu wollen.“

Platon (427 – um 348 v. Chr.)
  • Auch geht es um die Relativierung der Rolle der Fremdwahrnehmung. Feedback ist gut, wenn es konstruktiv ist. Sein Handeln aber vollends auf das wohlwollende Feedback der anderen auszulegen ist ein Ding der Unmöglichkeit. In der Gesellschaft der Singularitäten und der Komparation, in der wir unseren Selbstwert an den Reaktionen der anderen bewerten, sprießen Artikel und Bücher über Körpersprache und die richtige Kleidung und Körperhaltung geradezu aus dem Boden (Stefan Verra ist so ein Beispiel, ein anderes wäre der heute in Der Standard erschienene Beitrag „Studie: Körperhaltung hat deutlichen Einfluss auf das Selbstvertrauen„). Anleitungen zum richtigen Pitchen von Ideen und zum Gestalten von perfekten Reden (beispielsweise TEDtalks) finden sich den Bestsellerlisten weit oben. Ziel ist es, die eigenen Ideen bestmöglich zu verkaufen – siehe unter diesem Blickwinkel auch die Bedeutung, die dem 4K-Modell zugemessen wird.
Quelle: Pixabay
  • Schließlich geht es um die Thematisierung von Fehlern und von Momenten des Scheiterns: Wie erfrischend ist es, wenn Köch*innen ihre misslungenen Produkte posten und zeigen, wie sie sie zu retten versuchen (backenmitchristina zum Beispiel)? Wie interessant ist es, Menschen ungekämmt und ungeschminkt im Schlabberlook zu sehen (Mayim Bialik ist ein willkürlich genanntes Beispiel.). Es ist nicht immer alles perfekt. Es ist nicht immer alles schön. Wir lernen aus unseren Fehlern, wir machen das Beste draus. Wir dürfen auch scheitern – auch wenn das in unserer Leistungsgesellschaft vielleicht anders gesehen wird. In der Karrierebibel ist ein lesenswerter Beitrag zum Scheitern zu finden.

„Unsere Aufgabe im Leben ist es nicht, Erfolg zu haben, sondern unsere Mißerfolge guten Mutes zu ertragen.“

Robert Louis Stevenson (1850 – 1894)

„Es geht mir gut.“ „Ich habe es nicht geschafft.“

Zum Abschluss eine Nachdenkaufgabe für Sie alle, in der es um die Kraft der Sprache in einer Leistungsgesellschaft der Singularitäten geht, in der Schwächen und Niederlagen vielfach überspielt werden.

„Wie geht es Ihnen?“ Wie antworten Sie auf diese Frage?

  1. „Danke, gut.“
  2. „Nicht so gut.“
  3. „Geht schon.“
  4. „Schlecht.“

Was wird von Ihnen von Ihrem Gegenüber erwartet? Wem sagen Sie die Wahrheit? Wo ist der Unterschied zwischen der dritten und der vierten Option?

Sie haben eine Aufgabe nicht erledigt. Was antworten Sie?

  1. „Ich habe darauf vergessen.“
  2. „Ich habe es nicht geschafft.“
  3. „Ich hab’s gemacht, find’s aber gerade nicht.“
  4. „Ich habe meine Prioritäten (in diesem Moment) anders gesetzt.“

Was machen die Antworten mit Ihnen? Welche Antwort ist gesellschaftlich akzeptiert? Welche könnte das Gegenüber vor den Kopf stoßen?

Ich weiß, dass hier keine pauschalen Antworten möglich sind. Jede*r von uns antwortet anders, stellt sich andere Situationen vor. Jede*r von uns antwortet mit dem eigenen Rucksack. Jede Antwort ist die Spitze eines Eisbergs. Und dennoch: Was wir mit welchen Worten und in welchem Ton (inkl. para- und nonverbaler Elemente) sagen, ist eine Entscheidung, die wir (un)bewusst treffen. Was unser Gegenüber dabei hört, ist ebenfalls eine Frage des Rucksacks, oder Eisbergs oder der Wahrnehmungsebene. Jedenfalls des Gegenübers.

Im Unterricht lassen wir Schüler*innen gerne einen Perspektivenwechsel durchführen – in Dialogen oder Rollenspielen. Und das in einer zu erlernenden Sprache, in der das Sprechen ohnehin schon eine Herausforderung ist und Überwindung kostet. Das kann doppelt unangenehm sein. Oder peinlich. Oder überfordernd. Wir sollten ihn als Lehrpersonen auch regelmäßig durchführen, damit wir von unseren Lerner*innen nichts verlangen, das wir nicht selbst auch tun. Authentizität im Tun ist wichtig. Und die Erfahrung, sich selbst zu beobachten und den eigenen Rucksack neu zu sortieren, kann manchmal interessante Ergebnisse zum Vorscheinbringen.

Verwendete Literatur:

  • Reckwitz, Andreas (2019a): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.
  • Reckwitz, Andreas (2019b): Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Berlin: Suhrkamp.

Weiterführende Lektüre in Buchform:

(da diese Ratgeber gerade wie Minze im eigenen Garten aufgehen (und alle, die einmal Minze gesetzt haben, wissen, was ich meine) – eine subjektive Auswahl der Neuzugänge in meinem eigenen Bücherregal:

  • Friedemann Schulz von Thun: Erfülltes Leben
  • Ethan Kross: Chatter. The Voice in Our Head (and How to Harness it)
  • Katharina Ohana: Narzissten wie wir. Vom Streben nach Aufwertung – ein ehrlicher Blick auf uns Menschen
  • Judith Brückmann & Cord Neubersch: Immer funktionieren funktioniert halt nicht. Über die alltägliche Überforderung und die Kunst, bei sich zu bleiben
  • Adam Grant: Think again
  • Thomas Brezina: Erwecke die Glückskraft der Kinder in dir
  • Ronja von Wurmb-Seibel: Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien.
  • Dr. Pablo Hagemeyer: »Gestatten, ich bin ein Arschloch.«: Ein netter Narzisst und Psychiater erklärt, wie Sie Narzissten entlarven und ihnen Paroli bieten.
  • Peter L. Berger & Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie.

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