Verreisen im eigenen Klassenzimmer

Reisen sind aus unterschiedlichen Gründen nicht immer möglich. Es gibt aber keinen Grund, sich Unbekanntes oder Neues nicht ins Klassenzimmer zu holen.

Kurze Pause gefällig?

Eine Sprache zu lernen heißt auch, in eine neue Kultur einzutauchen und Neues zu erleben. Am besten geht das natürlich, wenn man neue Länder bereist und Kultur und Sprache nicht nur lernt, sondern auch erlebt und mit allen Sinnen spürt. Und so banal es klingt, ein Tapetenwechsel tut uns allen auch mal ganz gut. Das haben wir nicht erst in Zeiten von Corona bewusst wahrgenommen. Reisen ist aber nicht immer möglich – ganz unabhängig von pandemischen Einflüssen.

Quelle: Pixabay

Dennoch möchte man sein Lieblingsland einmal wiedersehen oder einfach nur den Blick in ein anderes Land werfen. Eine kurze gedankliche Pause einlegen und vom Meer träumen?

Virtuell ist kein Ersatz.

Im Internet gibt es unzählige Möglichkeiten, virtuell zu reisen. Und gleich vorweg: Natürlich sind virtuelle Reisen kein Ersatz für das Reisen. Natürlich fehlen die Gerüche und Geschmäcker, die Meeresbrise im Gesicht, das wirkliche Wegkommen. Das steht außer Frage und soll hier auch nicht geschönt werden. Und dennoch: Ein kleiner kurzer Trip nach Frankreich, Schweden, Italien, England oder wohin auch immer schadet nie. Den Schüler*innen den Lieblingsort zeigen? Die Geschichte im Schulbuch mit Livebildern unterstützen. Es ist möglich. Es ist ein Zusatz. Es ist kein Ersatz.

Das Fenster zur Welt

Einfach mal den Blick aus dem Fenster wagen? Es muss nicht das eigene sein. WindowSwap öffnet Fenster in der ganzen Welt (Ton inklusive), ganz zufällig, man kann nicht gezielt suchen. Aber man kann gemeinsam mit den Schüler*innen raten, wo sich das Fenster befindet. Manche Fenster sind beruhigend, manche voller Abenteuer. Manche mit Ton, andere still.

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Legt man die Maus auf das Fenster, findet sich rechts oben die Lösung, die aber – bewegt man die Maus weg – auch wieder verschwindet. Vermutungen können geäußert werden. WindowSwap eignet sich gut auch für die Pausengestaltung einer Videokonferenz – einfach mal kurz das Fenster zum (Gedanken-)Lüften öffnen.

Mehr Bewegung?

Wem das Fenster nicht genügt, der kann sich auch gemütlich durch eine Stadt, die man selbst wählt, fahren lassen – Drive & Listen macht es möglich. Er lieber einen Spaziergang macht, wird bei Citywalks sicherlich fündig. Klassisch lässt sich eine Tour auch über Google Street View durchführen oder über Google Arts & Cultures (auf den Spuren von Cervantes oder durch das Colosseum in Rom vielleicht?). Das Wetter kann uns bei diesen Touren nichts anhaben.

360 Grad gewünscht?

Man schwebt über Paris und zoomt sich zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten? Was man da alles zu sehen bekommt… Oder wie wäre es mit einer Winterlandschaft in Lappland (Finnland)? Mit AirPano schweift der Blick über (versunkene) Attraktionen und unbekannte Städte. Und manche Städte öffnen auch ihre Musen für eine virtuelle Tour – so der Louvre, den ich so nun auch gesehen habe.  In Paris habe ich es bislang noch nie hinein geschafft.

Eine ganze Reise visualisieren?

Eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten? Oder durch Europa? Oder über die ganze Welt? Diashow war gestern. Mit Tripline kann die Reiseroute visualisiert und an verschiedenen Orten ein Inhalt hinzugefügt werden: ein (selbst erstelltes) Video, eine Audioaufnahme, Fotos, Texte. Alles ist möglich. Hier ein paar Ideen von Johanna Daher. Oder die Erinnerung an 40 Jahre Musikverein Weinitzen – mit einer kleinen Reise um die Welt.

Mehr Geschichten dazu?

Die Webseite 22places ist ein Reiseblog, der liebevoll gestaltete und ehrliche Reiseberichte und Tipps zu Städten und Ländern liefert. Rein subjektiv natürlich. Hier das Beispiel für Prag.

Das ist doch eine schöne Idee für den eigenen Unterricht – das eigene Dorf oder die eigene Stadt wird beschrieben. Alles gemeinsam auf einem Klassenblog, z.B. bei Edublogs, oder auf einer Pinnwand, wie beispielsweise Padlet (und dem Template Karte), veröffentlicht. Was ist an meinem Dorf oder an meiner Stadt interessant? Was sollte man sehen? Gibt es was zu sehen? Werden die Beiträge in einer anderen Sprache verfasst, kann man das Produkt auch gleich für die Austauschfamilien verwenden.

Varietätenreise?

Eine kleine sprachliche Reise um die Welt? Wie spricht man auf Madagaskar? Wie in Peru? LocalLingual lässt uns sprachlich reisen, verschiedene Varietäten hören. Wie heißt Österreich auf Ungarisch? Wie spricht man Wien auf Kroatisch aus? Wie spricht man in Nepal? Die Datenbank ist noch nicht voll, man kann auch dazu beitragen. Die Hörproben schicken uns jedoch auf eine kleine Reise.

Musikalische Reise?

Schnell ein Lied auf Katalanisch hören, aber kein katalanisches Lied kennen? Kein Problem mit Lyricstraining. Die Anwendung bietet unterschiedliche Sprachfilter an, hinter denen sich (mehr oder weniger wertvolle) musikalische Schätze verstecken. Die Filter werden laufend erweitert – die Texte der Lieder können dank Karaoke-Version mitgelesen werden.

Mystery?

Wer Interaktion in seinen Klassenraum bringen möchte, kann auch ein Mystery Skype starten. Man vernetzt sich mit einer anderen Klasse, von der die Schüler*innen den Standort nicht kennen. Sie müssen diesen nun durch gegenseitiges Fragen und Antworten herausfinden. Mystery Skype ist nicht neu und von vielen Lehrer*innen auch schon erprobt und in Blogbeiträgen beschrieben:

Von Microsoft werden zu Mystery Skype auch noch weitere Materialien zur Verfügung gestellt.

Weitere Beispiele gefällig?

Auf der Seite LernenTrotzCorona haben wir eine kleine Sammlung an virtuellen Reisemöglichkeiten und Anwendungen der Extended Reality gestartet. Auch hier finden sich einige Möglichkeiten, das Klassenzimmer zu erweitern.

Wie groß sind die Länder, die wir gerne sehen würden, eigentlich wirklich? Am Globus ist die Darstellung ja ein wenig verzerrt, wie wir wissen The True Size of… lädt zum Vergleichen und Entdecken. Gerhard Brandhofer hat die Anwendung für die Medienfundgrube getestet.

Nachtrag

Der Beitrag zum virtuellen Reisen hat einige Resonanz erhalten, die auch weitere Reisemöglichkeiten offenbart hat. Ich gebe sie hier gerne gesammelt und um einige weitere Ideen ergänzt, die mir im ursprünglichen Beitrag nicht so präsent waren, weiter.  Danke an alle für die Tipps und Inspiration!

  • Space Invaders ist ein spezielles Kunstprojekt mit internationaler Ausbreitung. Die Bilder finden sich in unterschiedlichen Städten, auf der Webseite gibt es eine Zusammenschau. Hier das Beispiel aus Wien.
  • Geräuschesammler nimmt uns mit in eine Welt der Geräusche aus der ganzen Welt. Sie werden unter einer CC-Lizenz zur Verfügung gestellt.
  • I miss my bar ist eine Webseite, die einen Ausflug in eine virtuelle Bar inklusive Musik und typischen Bargeräuschen erlaubt. Eine willkommene Abwechslung in einer Videokonferenz zur Pause beispielsweise.
  • Mit Random Street View reist man an einen zufällig gewählten Ort – weltweit. Die Lösung links oben kann man ausblenden. Die Schüler*innen oder Teilnehmer*innen können raten, wo wir uns virtuell befinden.
  • Tree.fm nimmt uns mit in einen Wald. Einen zufälligen Wald. Eintauchen in die Geräuschkulisse.
  • Wer einen unendlichen Baum ansehen möchte – oder vielleicht auch unendlich lang einen Baum ansehen möchte, findet sich sicherlich bei Infinite Tree gut aufgehoben.
  • Unify Cosmos eröffnet eine Geräuschereise in die Welt. Ohren auf. Wo sind wir?
  • Musikinstrumente erraten: Wie klingt eine Blockflöte? Oder eine Drehorgel? Oder eine Drehleier? Hier gibt es Beispiele in die Welt der Instrumente.
  • Virtual Vacation – die virtuelle Urlaubsreise. Durch Städte virtuell spazieren und in Erinnerungen schwelgen. Im Modus Guess kann man die Stadt erraten probieren und das auch im Multiplayer-Modus. Ich hab’s direkt ausprobiert und verspreche: Suchtpotential vorhanden. 😉

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