Es war einmal…

In den letzten Wochen habe ich mich – aus unterschiedlichen Gründen – mit Märchen beschäftigt und möchte euch hier ein paar Gedanken, Ideen und Ressourcen da lassen.

Märchen kennt doch jede*r, oder? Wenn ich Sie fragen würde, welche Märchen Ihnen spontan einfallen, dann werden Sie sicher antworten können. Ich meine damit keine Pressemeldungen, die sich als Märchen herausstellen. Sondern einfach Märchen, wie jene der Gebrüder Grimm, von Hans Christian Andersen oder auch von Charles Perrault. Wenn ich Sie nun aber bitte, die Märchen nachzuerzählen, dann stocken sicherlich einige. Wie war das noch gleich mit dem eisernen Heinrich in Froschkönig? Und wie kam Rapunzel in den Turm? Und was war da mit dem Bart und einem Baumstamm bei Schneeweißchen und Rosenrot?

Quelle: Pixabay

Von Charles Perrault bis Walt Disney

Aus der Erfahrung in meinen Lehrveranstaltungen weiß ich, dass Märchen sehr selektiv erinnert werden. Die Story ist vielen bekannt, der Plot aber vielfach nicht (hier zum Unterschied zwischen Story und Plot). Deutlich zeigt sich immer wieder, dass viele Märchen in der Version von Walt Disney kennen. Klar, Märchen sind eine vielfach zunächst mündlich tradierte Gattung, die in unterschiedlichen Formen verschriftlicht wurde und dabei immer an die Zielgruppe angepasst wurden. Wussten Sie, dass die Gebrüder Grimm ihre Kinder- und Hausmärchen gar nicht erfunden, sondern die Märchen nur aufgeschrieben haben? Und dabei vielleicht eine andere Märchensammlung, jene von Charles Perrault, kannten? Und dass sie die Märchen kindgerechter gemacht haben? Die Perrault‘sche Version ist nämlich ganz schön brutal und hält auch immer eine Moral am Ende bereit. In der Version der Gebrüder Grimm fehlt diese. Und noch viel niedlicher und bekömmlicher ist die Version, die uns Walt Disney bildkräftig verkauft (hat).

Andersen ist anders

Die richtige Version eines Märchens ist also nur jene, die wir kennen. Denn objektiv gesehen, gibt es von den Volksmärchen keine rechte Version… Nur verschiedene Varianten, die erzählt wurden. Bei Kunstmärchen, wie jenen von Hans Christian Andersen, verhält es sich ein wenig anders. Sie gehen auf das Genie des Autors oder der Autorin zurück. Nicht, dass hier nicht auch volkstümliche Ideen verpackt und ausgeformt wurden. Das ist natürlich möglich und auch nur schwer nachvollziehbar, denn wo und wann immer wir etwas schreiben, wir sind einfach keine Tabula rasa, wir sind durch unsere Erfahrungen und Erinnerungen geprägt.

Märchensammlungen

Ich bin immer wieder auf der Suche nach Märchensammlungen, da ich gerne mit Märchen arbeite. Sie sind ein Kulturgut, das ich erhalten will. Die Ausgangskultur ist dabei unwichtig, denn Märchen gibt es in allen Kulturen. Schön ist beispielsweise der Artikel auf Wikipedia zum Märchen. In diesem Beitrag wird der Unterschied zwischen Volks- und Kunstmärchen ebenso kurz und prägnant erklärt, wie ein Überblick über unterschiedliche Kulturkreise und ihre Märchentraditionen gegeben. Wie bei Wikipedia üblich, lässt sich die Sprache des Beitrags umstellen und es sind ähnliche Beiträge in über 90 Sprachen vorhanden.

Mein letzter Fund ist die Seite Grimms Märchen. Hier werden die Märchen der Gebrüder Grimm gesammelt dargeboten. Das ist nichts Außergewöhnliches, denn man findet sich auch im Projekt Gutenberg. ABER: Auf der Seite von Grimms Märchen, finden sich unterschiedliche Übersetzungen, u.a. ins Spanische, Französische, Italienische, Rumänische, Türkische und Russische. Hier ein paar Beispiele:

Eine ähnliche Seite gibt es auch für die Märchen von Hans Christian Andersen. Hier wieder ein paar Beispiele:

Wer auf der Suche nach Märchen aus aller Welt ist, wird auch bei Märchenwelt oder auf der SAGEN-Seite sicherlich fündig, jedoch sind die Texte hier nur auf Deutsch verfügbar.

Wer zu den Märchen auch noch Erklärungen und Vergleiche zwischen verschiedenen Märchen- oder ihren Sprachversionen sucht, findet den Märchenatlas sicherlich hilfreich. Neben Gattungsbegriffen, Figuren und Motiven und allerlei Hintergrundinformation finden sich hier auch Märchen in Bildern.

Im Französischen finde ich die Contes à guérir, contes à grandir von Jacques Salomé absolut empfehlenswert. Und es gibt auch noch zahlreiche weitere Sammlungen, wie hier zum Beispiel, die es absolut wert sind, gelesen zu werden. Auch einfach zwischendurch. Oder dir Märchen von Charles Perrault – hier in einer annotierten Version für junge Leser*innen.

Im Italienischen darf man natürlich auch die Geschichten von Gianni Rodari nicht vergessen. Ein kleiner Einblick in seine Favole al telefono und ganz systematisch auf Wikipedia oder als Ganztext. Wer sich einlesen mag, findet auf Cinque Cose Belle das eine oder andere. Aber Achtung: Planen Sie Zeit ein! Sie vergeht schneller als man glaubt. Man kann sie sich auch vorlesen lassen:

Oder die Favole a rovescio, in der alles ein wenig andersrum ist. Auch hier ein Lesebeispiel:

Hier auch noch ein paar Ideen für den Unterricht – unter Attività gibt es noch so manch anderes.

Meine 15 Arten, Märchen im Unterricht zum Thema zu machen

Diese Liste ließe sich sicherlich noch um die eine oder andere Sammlung ergänzen. Und ich bin mir sicher, Sie kennen noch viele gute Seiten und Sammlungen. Was mache ich nun aber mit diesen Märchen im Unterricht? Ich möchte 15 Ideen mit Ihnen teilen, die ich erprobt habe und die auch gut geklappt haben.

1 – Wir lesen die Märchen

Das klingt unspektakulärer als es ist. Aber manchmal tut es auch gut, sich einfach hinzusetzen und ein Märchen zu hören. Es ist die Zeit, um sich zu beruhigen, runterzukommen und zuzuhören. Und ganz nebenbei wird nicht nur ein Kulturgut vermittelt, sondern auch ein sprachlicher Input gegeben – das güldene Haar kann auch Schüler*innen mit deutscher Erstsprache schon mal vor Herausforderungen stellen.

2 – Wir zeichnen das Märchen

Schüler*innen nehmen sich eine Szene aus dem Märchen und halten diese zeichnerisch fest. Das kann eine Person sein, das kann eine Szene sein, das kann ein Objekt sein. Anschließend beschreiben sie, was sie gezeichnet haben (vgl. Märchen in Bildern).

3 – Wir erstellen einen Comic | eine Graphic Novel

Die Schüler*innen nehmen den Märchen als Ausgangstext und gestalten dazu – beispielsweise mit MakeBeliefsComix oder Pixton (oder einer anderen Comic-App), einen Comic. Dabei lernen sie, die zentralen Etappen eines Märchens zu identifizieren.

4 – Wir spielen Theater

Die Schüler*innen schreiben das Märchen als Theaterstück um. Dafür wird das Märchen in einzelne Akte und Szenen aufgeteilt und einzelne Schüler*innengruppen sind für diese jeweiligen Abschnitte zuständig.

5 – Wir schreiben Emoji-Märchen

Die Schüler*innen erzählen ein Märchen anhand von Emojis nach. Diese Emojis werden in der Klasse ausgetauscht und jede*r bekommt ein Märchen zugeteilt, das nun wieder verschriftlicht werden soll. Kleine falsch verstandene Emojis können hier zu lustigen Umgestaltungen führen. Hier eine Sammlung an Emojimärchen. Eine Fundgrube für Emojis ist übrigens die Emojipedia oder die Seite Emoji Bedeutungen (in unterschiedlichen Sprachen verfügbar). Hier werden die Emojis nicht nur zum Kopieren angeboten, sondern auch in ihrer Bedeutung erklärt. Auch hier gibt es im Unterricht (und auch in Fortbildungen manchmal das eine oder andere Aha-Erlebnis. Für das Italienische ist hier eine schöne Sammlung zu finden.

6 – Wir erzählen Märchen aus aller Welt

Märchen gibt es in allen Kulturen und Sprachen. Gerade in mehrsprachigen oder multikuturellen Klassen erzählen die Schüler*innen Märchen aus ihren Ländern und Kulturen. So lernen die Schüler*innen unterschiedliche Kulturen kennen und müssen vielleicht ihre Eltern oder Großeltern nach Märchen fragen. Hilfreich kann hier auch eine Übersetzung sein – wie wäre es mit DeepL als Übersetzungsprogramm? Es funktioniert sehr gut und wird von Schüler*innen auch gerne genutzt, wie auch Philippe Wampfler in einem aktuellen Blogbeitrag zeigt. Wenn es bei Mehrfachbedeutungen an seine Grenzen stößt, dann findet man es sicherlich heraus.

7 – Wir schreiben ein Märchen

Als Schreibauftrag lässt sich auch ein vollkommen neues Märchen schreiben. Die Schüler*innen sollten hierfür allerdings ein paar Tipps bekommen, was für ein Märchen typisch ist. Also bestimmte Zahlen, die immer wieder auftauchen und auch bestimmte Motive. Hier finden sich im Internet zahlreiche Seiten, die helfen können. Und auch das Schreiben von Geschichten sollte erklärt werden, wie auf der Seite von Die Schreibtechnikerin. Hier eine systematische Übersicht, die aber auch im Märchenatlas zu finden ist. Besonders Kreative können sich ja oulipotisch an ein Märchen wagen und eine Contraintes als Basis nehmen.

8 – Wir modernisieren Märchen

Märchen sind old school? Wie wäre es, ein Märchen zu modernisieren und es ins 21. Jahrhundert zu bringen? In einem Kurs auf der Uni haben Studierende Rapunzel kurzerhand auf Tinder versetzt und eine neue Geschichte gefunden. Im Turm warten ist möglich, das Smartphone verkürzt da die Zeit ein wenig… Was befindet sich heute im Körbchen, das Rotkäppchen der Großmutter bringen soll? Und wählt es den Weg durch den Wald oder die falsche U-Bahn?

9 – Wir wechseln die Perspektive

Was, wenn das Märchen nicht aus Sicht des Rotkäppchens erzählt wird, sondern aus Sicht des Wolfs? Oder wie wäre es mit der Perspektive der Zwerge statt von Schneewittchen?

10 – Schneewittchen goes Social Media

Ein Märchen ließe sich doch auch auf Social Media abbilden. Das Tagebuch von Aschenputtel als Blog? Die Erlebnisse von Schneewittchen dokumentiert auf Instagram? TikToks mit den Bremer Stadtmusikanten?

11 – Wir drehen das Märchen um

In Zeiten der Gleichberechtigung könnte doch der Prinz aus Dornröschen die Jahre verschlafen, oder die Großmutter macht sich auf den Weg zu Rotkäppchen? Es muss nicht immer alles genau so verlaufen, wie es im Märchen steht. Wie in den Favole a rovescio könnt man die Geschichte einfach umdrehen. Nicht der böse Wolf begegnet dem Rotkäppchen, sondern das böse Rotkäppchen dem Wolf, der auf dem Weg zu seiner Großmutter ist.

12 – Wir flunkern ein wenig

Sie kennen das: Man hört eine Geschichte und denkt sich: „Das stimmt ja so nicht!“ Wie wäre es also, wenn ein Märchen minimal verändert wird. Statt der 7 Geißlein sind es zehn oder statt der Standuhr ist es der Küchenschrank? Der Kreativität der Flunkerei ist keine Grenze gesetzt.

13 – Wir hören ein Märchen

Mittlerweile gibt es zahlreiche Hörbücher und auch kleine Podcasts, die sich mit Märchen beschäftigen. Statt Märchen zu lesen (1), können diese auch angehört werden. Hier ein paar Quellen:

14 – Ein anderes Ende

Was, wenn das Märchen anders enden soll? Der Froschkönig könnte beispielsweise von der Prinzessin geküsst werden und sie verwandelt sich dann in eine Fröschin. Was dann?

Quelle: Pixabay

15 – Wir blicken hinter die Kulissen

Aschenputtel hat den Prinzen kennengelernt und dann? Sie will sich doch sicherlich mit ihren Freund*innen darüber unterhalten. Wie könnte ein WhatsApp-Gespräch zwischen ihnen aussehen? Ein Fake-WhatsApp-Generator hilft dabei, das Gespräch aufzuzeichnen. Was haben die Leute am Ball wahrgenommen? Am nächsten Tag geht der Klatsch und Tratsch los – ein Telefongespräch, ein Facebook-Posting, eine Tuschelei unter Bekannten. Wir schauen uns an, was im Hintergrund so läuft… Vielleicht auch die Breaking News im Fernsehen? (Oder ähnliche Seiten, die es erlauben, Medienberichte zu simulieren.)

Das waren einige meiner Ideen und es sind auch nicht alle, hier gibt’s noch viele weitere Ideen und Materialien fürs Französische. Märchen bieten einfach so viele Möglichkeiten. Und mich faszinieren sie schon seit meiner frühesten Kindheit. Für die mündliche Matura habe ich deshalb in Deutsch das Thema Sagen im Passailer Kessel (heute wohl: Almenland) genommen, bin mit meiner Oma die einzelnen Sagen durchgegangen und habe so viel dazugelernt über diese schöne Gegend, die mir so am Herzen liegt.

Hier auch alle Links aus diesem Beitrag in einem Wakelet zusammengefasst.

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