Literatur hat im (Sprach-)Unterricht keinen Platz

Literatur spielt in der Lebenswelt der Jugendlichen (und auch vieler Erwachsener) eine eher untergeordnete Rolle. Es gibt wichtigere und lebensnähere Inhalte, die im Unterricht behandelt werden sollten.

Wer nur die Überschrift und den Anreißer gelesen hat, hat in diesem Fall ein falsches Bild von mir und auch Pech. Ich bin nämlich aus unterschiedlichen Gründen ein echter Literaturfan und eine Verfechterin von Literatur im Unterricht. In diesem Beitrag möchte ich ein paar grundlegende Gedanken dazu loswerden. In einem separaten Blogpost werde ich konkrete Unterrichtsideen vorstellen, die ich in den letzten Semestern ausprobiert habe und die sich als anwendbar herausgestellt haben. Aber beginnen wir mal bei den grundsätzlichen Gedanken zur Literatur.

Quelle: Pixabay

Das Thema Literatur und Schule beschäftigt Lehrer*innen schon lange. Monika Neuhofer, Französisch- und Deutschlehrerin an einer Salzburger AHS, schrieb am 5. August 2014 Ein Plädoyer für mehr Literatur in der Schule und referenziert dabei auf den Umstand, dass die großen Klassiker, sie nennt Goethe & Co, auf dem Arbeitsmarkt wenig Relevanz aufweisen. Und dabei stellt sie die Frage, was wir eigentlich brauchen. Wer definiert was wir brauchen? Wer entscheidet? Sind nicht Kompetenzen viel wichtiger? Unterricht wird handlungs- und kompetenzorientiert gestaltet. Lernziele werden kompetenzorientiert formuliert. Training to the Test steht im Vordergrund. Gelernt wird, was man (für die Schularbeit, die Matura, die Note im Allgemeinen) braucht. Klingt das übertrieben? Vielleicht. Entspricht es der Realität? Vielleicht.  

Die Diskussion ist aktueller denn je. Die neuen Lehrpläne werden in Österreich gerade geschrieben. Und, glaubt man dem Artikel Neue Lehrpläne: Abschaffung der Literatur im Unterricht? in Die Presse vom 21. April 2021, sieht es für die Literatur nicht rosig aus. Im Artikel wird auf einen Artikel von Rosa Schmidt-Vierthaler vom 30. September 2014 verwiesen: Plädoyer für Literatur: Die große Bildungslücke. Die Autorin spricht darin ebenfalls das Praxiswissen, die Kompetenzen und den Unterschied von Bildung, Allgemeinbildung und Ausbildung an. Warum brauchen wir Literatur? Warum soll Literatur gelesen werden? Welchen Wert hat sie?

Die Rolle der Literatur

Es gibt unterschiedliche Ansätze, die gut erklären, warum wir Literatur brauchen. Monika Neuhofer spricht der Literatur die Möglichkeit zu, Orientierung zu geben. Es gibt Fakten und Fiktionen, es gibt Reales und Surreales, es gibt Utopien und Dystopien. Die Welt ist komplex und aktuell voller Inszenierungen – man denke an Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken. Es ist wichtig, die Realität von der Inszenierung zu unterscheiden. Beim Lesen eines Buches oder beim Theaterbesuch ist das vielleicht einfacher möglich als beim Betrachten von Nachrichtensendungen, dem Lesen von Zeitungsartikeln oder dem Scrollen auf Instagram-Channels. Richtig? Das heißt jetzt nicht, dass all diese Formen Literatur sind. Aber in gewisser Weise sind sie Kunst. Denn alleine schon durch die Auswahl der Bilder, die in einer Sendung gezeigt werden, oder der Worte, werden Emotionen geweckt und Empfindungen gelenkt. Die Trennung von realer und erfundener Welt ist wichtig. Sonst geht es uns wie Emma Bovary, oder wir sitzen Fake News auf.

Literatur erlaubt einen Perspektivenwechsel. Man erlebt die Welt mit den Augen einer anderen Person. Identifikationen werden ermöglicht und Handlungsmuster angeboten. Das kann böse enden – wir denken an den jungen Werther. Muss es aber nicht – wir denken an den in der Mitte seines Lebens stehenden Dante.

Schon wieder nur verstaubte Klassiker?

Dante, Werther, Emma Bovary. Schon wieder nur Klassiker? Sprachlich sehr schwierig, in fremden Jahrhunderten angesiedelt. Und manchmal mühsam zu lesen. Dantes Divina Commedia ist ein so komplexer Text, dass sich Wissenschafter*innen seit Jahrhunderten mit ihm beschäftigen und Antworten auf unterschiedliche Fragen suchen. Goethes Die Leiden des jungen Werther enden im Selbstmord des Protagonisten, kein gutes Role Model. Und wer schreibt heute überhaupt noch Briefe? Ist das nicht eine Textform, die vielen mittlerweile fremd ist?

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Sind das die Fragen, die wir uns in Hinblick auf Literaturunterricht stellen sollen? Ja, das sind sie. Und nein, das sind sie nicht. Wer bei Literatur an die großen Klassiker denkt, denkt nicht weit genug. Literatur begegnet uns im Alltag überall: Liedtexte, Raps und Werbeslogans sind Gedichte, die Serie und der Spielfilm sind Theaterstücke, in Videogames und Graphic Novels finden sich narrative Elemente, der Instagram-Beitrag hat ein autobiographisches. Wolfgang Hallet (siehe zum Beispiel hier) hat sich schon früh gegen einen engen Literaturbegriff im Unterricht ausgesprochen und in zahlreichen Publikationen auf die Möglichkeit hingewiesen, mit, über und dank literarischer Texte (im weitesten Sinn des Wortes) Kompetenzen zu trainieren. Den Widerspruch zwischen Literatur und  Standardisierung, Differenz und Heterogenität sieht er nicht (siehe hierzu Literature and Literacies: Literarische Bildung als Paradigma für Standardisierung, Differenz und Heterogenität). Christine Gardemann gibt hierzu einen kompakten Überblick in ihrem am 30. Jänner 2021 erschienenen Artikel Die Perspektive der Literaturdidaktik auf literarische Texte im Englischunterricht. Gülbeyaz Kula sieht das Potential des Literaturunterrichts vor allem in der Kultur- und Diversitätsdidaktik (nachzulesen im gleichnamigen 2018 erschienenen Werk), Ähnliches findet sich bei Gesa Singer: Fremdsprachendidaktik anhand von Literatur: Reflexion über Stereotype.

Literaturunterricht neu denken?

Müssen wir also den Literaturunterricht neu denken und ihn modernisieren? Neue Werke und Gattungen im Kanon etablieren? Wahrscheinlich. Es ist aber wahrscheinlich wie so oft im Leben, dass die gute Mischung den Unterschied macht. Literatur wird oftmals um ihrer selbst konsumiert. Zumindest ist das eine mögliche Definition, die literarische Texte von Gebrauchs- und Sachtexten unterscheidet. Das greift natürlich nicht immer – die Traktatliteratur des 16. Jahrhunderts (und später) zeigt Handlungs- und Verhaltensempfehlungen (Il Cortegiano ist ein bekanntes Beispiel – der Hofmann, der keine Trompete spielen darf, weil er dabei angestrengt aussieht), Pamphlete regen zur Meinungsbildung an.

Ein Werk im Unterricht nur um seiner selbst willen zu lesen, ist selten. Ständig fragen wir Lehrpersonen nach, wollen Interpretationen und Antworten, die wir uns vielfach selbst angelesen haben. Sie erschließen sich unseren Schüler*innen nicht immer, wie sie sich auch uns nicht sofort erschlossen haben, wenngleich wir vielleicht bedeutend mehr Vorwissen mitgebracht haben. Man denke nur an Lieder im Fremdsprachenunterricht. Oftmals werden sie von Lückentexten begleitet, damit man auch damit arbeitet. Dabei geht aber das Kontemplative verloren. Selbst, wenn der Lückentext erst beim zweiten Anhören ausgeteilt wird, wissen die Schüler*innen, dass er kommt und das Ergebnis des Lückentextes zählt.

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Die Frage ist nun, wie man mit Literatur im Unterricht umgehen soll und kann. Kaspar H. Spinner gibt uns in Methoden des Literaturunterrichts zahlreiche Ideen und Möglichkeiten, mit Literatur zu arbeiten. Nicola Mitterer und Werner Wintersteiner unternehmen in Literarische Erfahrung. Ästhetischer Modus und literarisches Lernen den Versuch, zwischen Skinners Überlegungen und der Kompetenzorientierung einen Brückenschlag zu schaffen. Und sie plädieren mit Spinner für die Berücksichtigung der Person, die Literatur konsumiert. Woher wollen wir wissen, warum Goethe seinen Werther geschrieben hat? Hat er uns ein Dokument hierzu hinterlassen? Wer sagt, Harry Potter sei keine Literatur (? Wer entscheidet, dass einem Rap kein Gedicht zugrunde liegt? Ganz zu schweigen von der neuen, digitalen Literatur und ihrem Potential (siehe hierzu u.a. Philippe Wampflers Beitrag Deutschdidaktik und digitale Literatur).

Raus aus der Schublade

Wozu der ganze Text? Warum so viele leere Zeilen? Nun, mir scheint, dass viele bei Literatur ehrfürchtig erstarren und an ihre eigene Schulzeit und den Umgang mit Literatur denken (die 4Cs lassen grüßen). Und dadurch der Blick auf neue literarische Formen, multimediale Ausformungen und sprachliche Kreationen getrübt ist. Literatur meint schließlich auch Spaß an der Sprache, eine kreative Sprachverwendung, vielleicht eine kritische Haltung. Die Meinung, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr lesen, ist falsch: Sie lesen Bücher (siehe zum Beispiel die JIM-Studie von 2019) und sie konsumieren Literatur (in einem weiten Begriffsverständnis) täglich nebenbei.

Zum Dekodieren der dieser literarischen Artefakte ist Medienkompetenz notwendig – Dieter Baackes Medienkompetenzmodell (ab Seite 112; hier in einer übersichtlichen Kurzform), das sich auf die vier Säulen Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung stützt – greift hier wie bei allen anderen Medien. Literarischen Texten kann man sich nicht nur literatur- und kulturwissenschaftlich annähern, man kann auch medienkundlich herangehen, was in einem folgenden Blogpost auch gemacht wird.

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Dieser Beitrag ist nur die langatmige Einleitung zu methodischen Beispielen und Überlegungen. Mein Weg, mir den Frust von der Seele zu schreiben, dass Literatur zu eng gedacht ist und dass Schüler*innen die Lust an der Literatur und der Sprache bzw. dem Spiel mit der Sprache vielleicht genommen wird, weil wir Literatur in der Schule zu eng denken, in die Standardisierung einpassen und Kompetenzen trainieren wollen. Literatur ist mehr als nur die sprachliche Analyse eines Reimschemas und rhetorischer Figuren. Literatur ist eine (subjektive) Erfahrung. Wir brauchen keine Angst oder Ehrfurcht vor Literatur haben. Nur weil jemand gesagt hat, dass die Werke von Goethe und Schiller, Dante Alighieri, Molière oder Elfriede Jelinek Literatur sind, muss das nicht gleich auch ein Qualitätsmerkmal bedeuten. Diese großen Künstler*innen haben auch weniger gute Texte geschrieben. So wie Quentin Tarantino vielleicht auch weniger gute Filme gemacht hat (wenngleich mir kein schlechter Film einfällt). Das ist alles sehr subjektiv – denn was für den einen gut ist, ist es für die andere vielleicht nicht. Kunst erlaubt uns nicht nur das Gefallen sondern auch das Nicht-Gefallen.

4 Gedanken zu „Literatur hat im (Sprach-)Unterricht keinen Platz

  • Juni 7, 2021 um 11:20 pm
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    Sehr schöner grundsätzlicher Überblick! Du sprichst mir aus der Seele!

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    • Juni 8, 2021 um 10:23 am
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      Ich danke dir 🙂 Bei den methodischen Beiträgen ist hoffentlich auch was für dich dabei. Es wird eine Mischung aus digital und analog bzw. beinahe ausschließlich so, dass es sowohl digital als auch analog einsetzbar ist.

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  • August 24, 2021 um 7:55 am
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    Liebe Elke!
    Es ist eine Wohltat Deinen Beitrag und Deine Sichtweise lesen zu dürfen. Literatur ist ein „Menschen-formen“ und kein Abstellen auf Kompetenzen die die Wirtschaft fordert; Literatur ist Menschenliebe. Den Megalomanen, die die Literatur abschaffen wollen muss man etwas entgegenhalten. Danke.

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    • September 2, 2021 um 9:35 pm
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      Lieber Gerhard!
      Ich danke dir sehr für deine Antwort und hoffe, ich finde bald die Zeit, weitere Beiträge zum Thema zu verfassen!
      Schick dir einen lieben Gruß,
      Elke

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