Sprache im Wandel – warum wir alle mehrsprachig sind

Sprache verändert sich. Jeden Tag, in jeder Nachricht, in jedem Gespräch. Das fällt uns manchmal gar nicht auf – und doch passiert es unaufhörlich.

Neue Wörter entstehen, alte verschwinden, Bedeutungen verschieben sich. Selbst Grammatik und Rechtschreibung bleiben nicht ewig gleich. Wer also glaubt, Deutsch sei ein stabiles System, das sich einmal festlegen und dann „richtig“ sprechen oder schreiben lässt, unterschätzt, wie lebendig und beweglich Sprache tatsächlich ist. Ein Blick in Bastian Sicks Kolumne und seinen Beitrag Als Gott noch in Frankreich lebte zeigt dies deutlich: Prägten in der Vergangenheit noch Gallizismen (Freutsch) unsere Sprache, so sind es heute Anglizismen (Denglisch). Das Rendez-vous wird zum Date, das Mannequin zum Model, en vogue ist heute trendy oder einfach in. Vielleicht sagt man mittlerweile auch ganz anders…

Jugendwörter, Sprachgefühl und Duden – sichtbarer Wandel im Alltag

Ein besonders sichtbarer Ausdruck dieses Wandels ist das Jugendwort des Jahres, das der Langenscheidt-Verlag jährlich kürt und am 18. Oktober verkünden wird (Langenscheidt – Jugendwort 2025). Die Short-List der Top 10 wurde im Sommer veröffentlicht. Dabei geht es nicht bloß um Modewörter, sondern um gelebte Sprachkreativität. Wörter wie tuff, tot oder digga stehen für Lebenswelten, Gruppenzugehörigkeit und Humor – aber auch für das Bedürfnis, Sprache als Spielwiese zu nutzen. Die jährliche Diskussion darüber, ob man diese Wörter „braucht“, ist fast schon Teil des Rituals. Sie zeigt, dass Sprache nicht nur Werkzeug, sondern auch Identitätsmarker ist.

Auch in Österreich finden seit 1999 Wahlen zum Wort des Jahres statt – ein Überblick gibt gleichzeitig einen Einblick in sozio-politische und sozio-ökonomische Entwicklungen. Eine Reise in die Geschichte, die zeigt, welche Themen die Menschen in Österreich im jeweiligen Jahr bewegt haben. Ähnlich wie der Duden das Wort und Unwort des Jahres in Deutschland kürt.

Der Duden zeigt ohnehin regelmäßig die Weiterentwicklung der Sprache – durch die Aufnahme neuer Begriffe oder durch Rechtschreibanpassungen. Ob es um die Schreibweise von E-Mail oder Email geht, um Gendersternchen oder die Frage, wie groß das Internet zu schreiben sei: Jede Änderung ruft Reaktionen hervor. Doch sie ist Ausdruck dessen, dass Sprache nicht stillsteht, sondern auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert. Die aktuelle Rechtschreibreform des Duden zeigt genau das: Regeln werden nicht von oben festgelegt, sondern entstehen im Zusammenspiel von Gebrauch und Beobachtung. Und so ist der Deppen-Apostroph jetzt erlaubt und der Beistrich (aka Komma) bei erweiterten Infinitivgruppen verpflichtend (siehe Beitrag in der Kleinen Zeitung). Freud und Leid liegen bei derartigen Anpassungen nahe beieinander (subjektiv gesprochen, oder geschrieben).

Sprache ist also kein starres Regelwerk, sondern ein Spiegel sozialer Dynamik – ein Ort, an dem Identität, Wandel und Verständigung zugleich verhandelt werden.

Soziolekte, Regiolekte und die gelebte Vielfalt

Wenn man genauer hinhört, spricht niemand gleich: Wir wechseln zwischen Dialekten, Slangs, Registern, Tonlagen – verschiedenen Varietäten einer Sprache. In Österreich klingt Deutsch anders als in Norddeutschland, in der Steiermark anders als in Tirol, in Wien anders als in Graz. Und auch innerhalb derselben Region sprechen Jugendliche anders als ihre Großeltern, Freund:innen untereinander anders als im Unterricht oder im Bewerbungsgespräch.

Diese sprachliche Vielfalt hat Namen: Man unterscheidet beispielsweise Soziolekte (also gesellschaftlich geprägte Sprachformen) und Regiolekte (regional gefärbte Varietäten). Sie sind Ausdruck sozialer und regionaler Zugehörigkeit, kultureller Prägung und persönlicher Identität. Und sie zeigen, dass niemand nur eine Sprache spricht – auch wenn es nach außen so wirkt.

Der Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka hat schon in den 1970er Jahren darauf hingewiesen: Wir sind alle mehrsprachig, selbst wenn wir „nur“ Deutsch sprechen. Denn unsere Sprache ist nicht homogen. Sie besteht aus vielen Stimmen, Schichten und Varianten, die wir je nach Kontext aktivieren. Diese Alltagsmehrsprachigkeit – das fließende Wechseln zwischen Ausdrucksformen, Sprachstilen, Registern – ist keine Ausnahme, sondern die Regel.

Gogolin und der monolinguale Habitus – eine Schule, die Vielfalt übersieht

Die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin hat dieses Phänomen bildungspolitisch weitergedacht. Ihr Begriff des monolingualen Habitus beschreibt die tief verankerte Annahme, dass Schule in einer „einsprachigen“ Welt stattfinde – und dass alle Lernenden dieselbe sprachliche Ausgangsbasis hätten.

Doch genau das stimmt nicht. Schüler:innen bringen vielfältige sprachliche Ressourcen mit – von Dialekten über Familiensprachen bis zu migrantischen Mehrsprachigkeiten. Wenn Schule aber so tut, als sei allein das Standarddeutsch „richtig“, verkennt sie das tatsächliche sprachliche Kapital der Lernenden. Sie übersieht, dass Sprachvariation nicht ein Hindernis, sondern eine Ressource ist.

Quelle: Pixabay

Die monolinguale Schule, so Gogolin, kann in einer mehrsprachigen Gesellschaft nicht funktionieren. Sie produziert Missverständnisse, Ausschlüsse und Ungleichheiten, weil sie Vielfalt in ein starres Schema zwingt. Wer hingegen anerkennt, dass jede:r Lernende sprachlich unterschiedlich sozialisiert ist, öffnet Lernräume: für Reflexion, Vergleich, Neugier – und für das Bewusstsein, dass Sprache selbst immer in Bewegung bleibt.

Sprache als lebenslanges Lernfeld

Sprache zu lernen heißt also nicht, irgendwann „fertig“ zu sein. Es heißt, immer weiter zu lernen – neue Wörter, neue Bedeutungen, neue Ausdrucksformen. Wir lernen, auf Situationen zu reagieren, Varietäten zu verstehen, Codes zu wechseln. Heute auch ganz multimodal – Erkennen Sie diese Weihnachtslieder? 😉

Das kann anstrengend sein, aber auch bereichernd: Denn wer Sprache als lebendiges System begreift, bleibt offen für Wandel und Unterschied. Das gilt in der Schule ebenso wie in der Gesellschaft insgesamt. Gerade die Digitalisierung, Globalisierung und Migration bringen neue Sprachkontakte hervor – von Denglisch über Freutsch und Code-Switching bis hin zu KI-generierten Texten, die neue Normvorstellungen herausfordern.

Sprache ist also kein Besitz, sondern eine Praxis. Und wer sie lebt, lernt ständig neu: zuzuhören, zu verstehen, zu adaptieren. Voneinander. Miteinander. Nicht gegeneinander.

Sprachwandel als Chance

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Wir alle sprechen im Wandel – und damit nie allein. Wenn wir diese Vielstimmigkeit als Normalität anerkennen, lösen wir uns vom Zwang des „richtigen“ Deutsch und öffnen uns für ein inklusives Sprachverständnis.

Denn Sprache gehört niemandem allein – sie gehört allen, die sie sprechen. Und das ist ihre größte Stärke. Für das Bildungssystem aber auch eine große Herausforderung. Es gibt eine Norm, es gibt eine Verwendung. Die Schere dazwischen scheint immer größer zu werden. Wie wollen wir damit umgehen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert